Wenn Selbstständige zum ersten Mal über ihre Krankenversicherung nachdenken, ist die Lage selten klar. PKV oder GKV, welche Bausteine sind notwendig, welche Fristen laufen und worauf kommt es bei der Tarifwahl wirklich an? Tim Bökemeier berät seit über zehn Jahren Selbstständige, Freiberufler und Existenzgründer bei genau dieser Entscheidung. Im Gespräch erklärt er, welche Fragen am Anfang stehen, welche Fehler er immer wieder sieht und woran sich eine gute Entscheidung erkennen lässt.
Mit welchem Gedanken kommen Existenzgründer typischerweise zu Ihnen?
Meistens ist es eine Mischung aus Unsicherheit und Zeitdruck. Die Gründung steht an, die Krankenkasse hat einen Brief geschickt, in dem die freiwillige Mitgliedschaft erklärt werden soll, und die Frage ist plötzlich: Bleibe ich in der gesetzlichen Versicherung oder wechsele ich?
Oft ist die Vorstellung, dass die PKV grundsätzlich teurer wird und die GKV die sichere Variante ist. Beides stimmt so pauschal nicht. Mein erster Schritt ist immer, den eigentlichen Bedarf zu klären: Wie hoch ist der erwartete Gewinn, gibt es eine Familienplanung, gibt es Vorerkrankungen, in welchem Alter steht der Mensch. Erst danach ergibt eine Rechnung Sinn. Oft erlebe ich, dass Gründer mit einer fertigen Meinung in das Gespräch kommen, die sie aus einer Onlinequelle haben.
Sobald wir die eigene Situation durchgehen, fällt diese Meinung in der Hälfte der Fälle um. Das ist nicht überraschend, sondern erwartbar: Eine pauschale Empfehlung passt fast nie zu einer individuellen Konstellation.
Welche Fristen sollten Existenzgründer in den ersten Monaten kennen?
Wer aus einer Anstellung in die Selbstständigkeit wechselt, sollte seinen Krankenversicherungsstatus direkt zu Beginn sauber klären. War man zuvor gesetzlich pflichtversichert, läuft die bisherige GKV in vielen Fällen automatisch als freiwillige Mitgliedschaft weiter. Wer stattdessen in die PKV wechseln möchte, muss nach dem Hinweis der Krankenkasse innerhalb von zwei Wochen den Austritt erklären und eine anderweitige Absicherung nachweisen.
Wichtig ist außerdem die Entscheidung zum Krankengeld. Selbstständige haben in der GKV nicht automatisch einen Krankengeldanspruch. Wer den ermäßigten Beitragssatz wählt, verzichtet auf diesen Schutz. Wer Krankengeld absichern möchte, muss dies aktiv gegenüber der Krankenkasse erklären. Diese Entscheidung ist nicht beliebig kurzfristig änderbar.
Auch die Beitragsberechnung sollte früh geklärt werden. Die Krankenkasse benötigt eine realistische Einkommensschätzung und später entsprechende Nachweise. Wer angeforderte Unterlagen nicht einreicht, riskiert eine Beitragsfestsetzung auf Höchstbeitragsniveau.
Und wer einen Wechsel in die PKV prüft, sollte vor einer offiziellen Antragstellung unbedingt eine anonyme Risikovoranfrage durchführen lassen. So lässt sich vorab klären, ob eine Annahme möglich ist und ob Risikozuschläge oder Leistungsausschlüsse drohen.
Wann ist die PKV sinnvoll, wann sollte man in der GKV bleiben?
Es gibt keine pauschale Antwort, aber sehr klare Indikatoren.
- PKV ist meistens sinnvoll für jüngere Selbstständige unter 40, mit stabilem Gewinn ab etwa 70.000 Euro und ohne kurzfristige Familienplanung.
- GKV ist meistens sinnvoll für Selbstständige mit Familie oder geplanter Familie, weil dort die Kinder beitragsfrei mitversichert sind, und für Menschen mit schwankendem oder niedrigem Einkommen.
Ab Mitte 50 wird der PKV-Einstieg rechnerisch selten attraktiv, weil die Einstiegsbeiträge stark altersabhängig sind. Ich rate immer, die Entscheidung mit zwei Werkzeugen vorzubereiten: einer ehrlichen Hochrechnung der nächsten zehn Jahre und einem konkreten Tarifangebot. Tipps und Rechner haben wir auf selbststaendig-pkv.de gebündelt, unser Portal für genau diese Zielgruppe.
Wichtig ist mir die Aussage, dass die Entscheidung selten zwischen „gut“ und „schlecht“ verläuft, sondern zwischen „passt zur aktuellen Lage“ und „passt nicht“. Ein PKV-Tarif, der heute gut zu einem 32-jährigen Single mit 70.000 Euro Gewinn passt, kann derselben Person mit 38, Familie und unsicherer Auftragslage Sorgen machen. Genau deshalb ist die Langfristbetrachtung wichtiger als der Vergleich der ersten Monatsbeiträge.
Hilfreich ist eine Frage, die ich immer stelle: Wie sähe Ihre Lage mit 60 Jahren aus, wenn der Beitrag gestiegen ist, die Kinder aus dem Haus sind und das Einkommen eventuell niedriger ist als heute. Welche Entscheidung träfen Sie aus dieser Perspektive heraus? Wer diese Frage ehrlich beantwortet, kommt zu klareren Schlüssen als jemand, der nur den heutigen Beitrag vergleicht.
Welche Fehler sehen Sie bei der Tarifwahl immer wieder?
Drei Muster begegnen mir besonders häufig. Der erste Fehler ist die reine Preisorientierung. Wer den günstigsten PKV-Tarif wählt, ohne die Beitragsstabilität des Versicherers zu prüfen, zahlt im Alter oft drauf. Experten weisen regelmäßig darauf hin, dass der Eingangsbeitrag wenig über die Langfristkosten aussagt.
Der zweite Fehler ist die Wahl unpassender Selbstbehalte. Ein hoher Selbstbehalt spart Beitrag, kostet aber im Krankheitsfall sofort Liquidität. Wer als Selbstständiger mit knapper Rücklage einen Selbstbehalt von 1.500 Euro wählt, hat im Ernstfall ein Problem.
Der dritte Fehler ist das Vergessen des Krankentagegelds. Selbstständige haben keine Lohnfortzahlung, und ohne Krankentagegeld ist die erste Krankheitsphase ungeschützt. Das wird beim Vergleich der monatlichen Beiträge oft übersehen.
Ein vierter, weniger auffälliger Fehler ist die fehlende Dynamisierung. Ein Tarif, der heute passt, sollte mit dem Einkommen mitwachsen können. Ohne Anpassungsklausel ohne Gesundheitsprüfung kann ein einmal abgeschlossener Schutz nach zehn Jahren nicht mehr zur Lage passen, ohne dass der Versicherte das selbst leicht ändern kann.
Was raten Sie jemandem, der morgen entscheiden müsste?
Drei Minimalschritte. Erstens: das eigene Profil ehrlich aufschreiben, also Alter, realer Gewinn der letzten drei Jahre, Familienplanung und Vorerkrankungen. Im Anschluss zwei oder drei konkrete Angebote einholen, nicht nur Online-Vergleiche. Alle Unklarheiten klären und die Entscheidung mit Blick in die Zukunft fällen: Wie sieht meine Situation in 10 oder 20 Jahren aus?
Und wenn die Entscheidung morgen wirklich fallen muss: Erst die freiwillige GKV als Brückenlösung wählen, dann in Ruhe die PKV-Frage klären. Ein bewusster Schritt in die GKV lässt sich später korrigieren, ein voreiliger PKV-Antrag mit Ablehnung dagegen schwer. Wer einen abgelehnten Antrag in der Datenbank hat, hat es bei nachfolgenden Anbietern oft schwerer. Wer dagegen die freiwillige GKV als Brücke nutzt und parallel sauber prüft, hat alle Optionen offen. Diese Ruhe in der Entscheidung ist häufig der wertvollste Beitrag einer guten Beratung.