Selbstständig in Deutschland mit US-Pass: Was Sie über Ihre Steuerpflicht in Amerika wissen müssen

Sie haben den Schritt gewagt und sich in Deutschland selbstständig gemacht. Der Businessplan steht, die Gewerbeanmeldung ist erfolgt, die Fördermittel-Anträge sind gestellt und die ersten Aufträge kommen rein. Doch als US-Staatsbürger lauert eine Verpflichtung, die viele Gründer übersehen: die Steuern in den USA.

Die Vereinigten Staaten sind eines von nur zwei Ländern weltweit, die ihre Bürger unabhängig vom Wohnsitz besteuern. Selbst wenn Sie seit Jahren in München, Berlin oder Hamburg leben und arbeiten, erwartet der IRS jährlich eine Steuererklärung von Ihnen. Ihr Einkommen aus der deutschen Selbstständigkeit interessiert Washington genauso wie Ihre Konten bei der Sparkasse.

Haben Sie bisher keine US-Steuererklärung eingereicht? Es gibt glücklicherweise Wege zurück in die Compliance. Die „streamlined filing compliance procedures“ bieten eine straffreie Möglichkeit, versäumte Erklärungen nachzuholen – vorausgesetzt, die Versäumnisse waren nicht vorsätzlich.

In diesem Artikel erfahren Sie, welche steuerlichen Pflichten Sie als selbstständiger US-Bürger mit Wohnsitz in Deutschland haben. Wir schauen uns an, wie das Doppelbesteuerungsabkommen funktioniert und welche konkreten Schritte Sie jetzt unternehmen sollten.

Die Grundlagen der amerikanischen Steuerpflicht verstehen

Warum die USA anders besteuern als andere Länder

Deutschland besteuert nach dem Wohnsitzprinzip: Wer hier lebt, zahlt hier Steuern. Die USA hingegen folgen dem Staatsbürgerschaftsprinzip. Jeder amerikanische Staatsbürger und jeder Greencard-Inhaber muss sein weltweites Einkommen beim IRS deklarieren – egal, ob er in Texas oder in Thüringen lebt.

Diese Regelung geht auf den Bürgerkrieg zurück und wurde seitdem nie abgeschafft. Für Sie als Selbstständiger bedeutet das: Ihre Einnahmen aus freiberuflicher Tätigkeit, aus einer GmbH-Beteiligung oder aus einem Einzelunternehmen müssen Sie sowohl dem deutschen Finanzamt als auch dem IRS melden. Dies gilt auch im Falle einer Existenzgründung.

Die Amerika-Steuern betreffen dabei nicht nur Ihr Arbeitseinkommen. Auch diese Einkunftsarten können steuerpflichtig sein:

  • Zinsen und Dividenden
  • Mieteinnahmen
  • Kryptowährungsgewinne
  • Bestimmte deutsche Sozialleistungen

Wer genau ist betroffen?

Die US-Steuerpflicht gilt für:

  • US-Staatsbürger (auch mit doppelter Staatsbürgerschaft)
  • Greencard-Inhaber (auch wenn die Karte abgelaufen ist)
  • Personen, die in den USA geboren wurden, selbst wenn sie das Land als Säugling verlassen haben.
  • Kinder von US-Bürgern, die im Ausland geboren wurden und die US-Staatsbürgerschaft automatisch erworben haben.

Besonders die Gruppe der „accidental Americans“ ist sich dieser Pflichten oft nicht bewusst. Das sind Menschen, die ihre US-Staatsbürgerschaft durch Geburt erworben haben, aber nie wirklich in den USA gelebt haben.

Doppelte Staatsbürgerschaft USA-Deutschland und Steuern

Was das Doppelbesteuerungsabkommen für Sie regelt

Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen den USA und Deutschland ist Ihr wichtigstes Werkzeug gegen eine tatsächliche Doppelbesteuerung. Dieses bilaterale Abkommen legt fest, welches Land in bestimmten Situationen das Besteuerungsrecht hat. Es regelt auch, wie bereits gezahlte Steuern angerechnet werden können.

Für Selbstständige mit Wohnsitz in Deutschland gilt grundsätzlich: Deutschland hat das primäre Besteuerungsrecht auf Ihre Einkünfte aus der selbstständigen Tätigkeit. Die USA behalten sich jedoch das Recht vor, diese Einkünfte ebenfalls zu erfassen – allerdings müssen sie die in Deutschland gezahlten Steuern anrechnen.

EinkunftsartBesteuerungsrechtAnmerkung
Selbstständige EinkünfteDeutschland primärUSA rechnet deutsche Steuer an
ZinsenBeide LänderQuellensteuer max. 10 %
DividendenBeide LänderQuellensteuer max. 15 %
ImmobiliengewinneBelegenheitsstaatWo die Immobilie liegt

Warum Sie trotzdem eine US-Erklärung brauchen

Viele Selbstständige mit doppelter Staatsbürgerschaft USA/Deutschland denken: „Ich zahle hier in Deutschland Steuern, also bin ich raus.“ Das ist ein gefährlicher Irrtum.

Das Doppelbesteuerungsabkommen schützt Sie zwar vor der doppelten Zahlung, aber nicht vor der doppelten Erklärungspflicht. Sie müssen dem IRS aktiv nachweisen, dass Sie Anspruch auf Steuervorteile haben. Das geschieht durch das Einreichen der korrekten Formulare und die Beantragung des Foreign Tax Credit oder der Foreign Earned Income Exclusion.

Die wichtigsten Formulare für selbstständige US-Bürger in Deutschland

Form 1040 als Basis

Die USA-Steuererklärung beginnt immer mit dem Form 1040. Das ist die amerikanische Entsprechung zur deutschen Einkommensteuererklärung. Hier deklarieren Sie Ihr gesamtes weltweites Einkommen – umgerechnet in US-Dollar.

Als Selbstständiger fügen Sie dem Form 1040 das Schedule C bei. Dort listen Sie Ihre Geschäftseinnahmen und -ausgaben detailliert auf. Die Umrechnung von Euro in Dollar erfolgt zum Durchschnittskurs des Steuerjahres.

Foreign earned income exclusion (Form 2555)

Das Form 2555 ermöglicht Ihnen, einen erheblichen Teil Ihres im Ausland verdienten Einkommens von der US-Steuer auszunehmen. Für das Steuerjahr 2025 liegt diese Ausschlussgrenze bei über 126.000 US-Dollar.

Voraussetzung ist, dass Sie entweder den „Bona Fide Residence Test“ oder den „Physical Presence Test“ erfüllen. Als dauerhaft in Deutschland lebender Selbstständiger werden Sie in der Regel den „Bona Fide Residence“-Test nutzen. Sie müssen nachweisen, dass Deutschland Ihr tatsächlicher Lebensmittelpunkt ist.

Foreign tax credit (Form 1116)

Alternativ oder ergänzend zum Form 2555 können Sie mit dem Form 1116 die in Deutschland gezahlten Steuern gegen Ihre US-Steuerschuld anrechnen. Da deutsche Steuersätze oft höher sind als amerikanische, führt das häufig dazu, dass in den USA keine zusätzliche Steuer anfällt.

Die Entscheidung zwischen Foreign Earned Income Exclusion und Foreign Tax Credit ist komplex. Sie hängt von Ihrer individuellen Situation ab. Für Selbstständige mit hohem Einkommen kann die Kombination beider Mechanismen optimal sein.

FBAR und FATCA – die Kontenmeldungen

Neben der eigentlichen Steuer USA müssen Sie auch Ihre ausländischen Konten melden. Das FBAR (Report of Foreign Bank and Financial Accounts) ist fällig, wenn die Summe aller Ihrer ausländischen Konten zu irgendeinem Zeitpunkt im Jahr 10.000 US-Dollar übersteigt.

Diese Meldung geht nicht an den IRS, sondern an FinCEN. Die Strafen für Nichtmeldung sind drastisch: bis zu 100.000 Dollar oder 50 % des Kontostands pro Verstoß.

Zusätzlich gibt es unter FATCA die Meldepflicht über Form 8938, wenn Ihre ausländischen Vermögenswerte bestimmte Schwellenwerte überschreiten.

Noch nie US-Steuererklärung gemacht – was jetzt?

Die Realität vieler Auslandsamerikaner

Falls Sie zur Gruppe der Menschen gehören, die noch nie eine US-Steuererklärung gemacht haben, sind Sie nicht allein. Schätzungen zufolge erfüllen weniger als die Hälfte aller im Ausland lebenden US-Bürger ihre Steuerpflichten vollständig.

Die Gründe sind vielfältig: Unwissenheit, die Annahme, dass im Ausland lebende Bürger befreit sind, oder schlicht die Komplexität des Systems. Doch die Konsequenzen können erheblich sein:

  • Hohe Strafzahlungen
  • Verlust des Reisepasses
  • Probleme bei Bankgeschäften durch FATCA

Der Weg zurück in die Compliance

Das IRS bietet das Streamlined Filing Compliance-Verfahren an, um säumigen Steuerzahlern ohne böswillige Absicht entgegenzukommen. Sie müssen:

  • Die Steuererklärungen der letzten drei Jahre nachreichen
  • Die FBARs der letzten sechs Jahre einreichen
  • Eine Erklärung abgeben, dass Ihre Nicht-Compliance nicht vorsätzlich war

Der große Vorteil: Bei erfolgreicher Teilnahme fallen keine Strafzahlungen an. Das Programm ist jedoch nur für Steuerzahler gedacht, die ihre Pflichten fahrlässig, nicht vorsätzlich vernachlässigt haben.

US-Steuererklärung selber machen oder Profi beauftragen?

Wann Sie es selbst versuchen können

Eine US-Steuererklärung selber machen ist grundsätzlich möglich, wenn Ihre Situation überschaubar ist. Sie haben eine Einnahmequelle, keine komplexen Investitionen und fühlen sich mit englischsprachigen Formularen wohl.

Software wie TurboTax oder H&R Block bieten Expat-Versionen an, die Sie durch den Prozess führen. Die Kosten liegen typischerweise zwischen 50 und 200 Dollar.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Als Selbstständiger mit Einkünften in Deutschland wird die USA-Steuererklärung schnell komplex. Folgende Faktoren sprechen für professionelle Unterstützung:

  • Sie haben eine GmbH oder andere Rechtsform.
  • Sie besitzen Immobilien oder Investmentfonds.
  • Sie haben Mitarbeiter oder zahlen in die deutsche Rentenversicherung ein.
  • Sie müssen Vorjahre nachholen.
  • Sie haben Einkünfte aus mehreren Quellen.

Die USA-Steuererklärungs-Steuerberaterkosten variieren stark. Einfache Fälle beginnen bei 300–500 Dollar. Komplexe Selbstständigen-Erklärungen können 1.500 Dollar und mehr kosten. Angesichts möglicher Strafen bei Fehlern ist das oft gut investiertes Geld.

Fristen und praktische Tipps

Wichtige Termine im Überblick

US-Bürger mit Wohnsitz in Deutschland profitieren von einer automatischen Fristverlängerung bis zum 15. Juni. Eine weitere Verlängerung bis zum 15. Oktober ist auf Antrag möglich. Die FBAR-Meldung ist bis zum 15. April fällig, mit automatischer Verlängerung bis zum 15. Oktober.

Praktische Empfehlungen für Selbstständige

Führen Sie eine saubere Buchhaltung in Euro und dokumentieren Sie alle Einnahmen und Ausgaben geschäftlich. Speichern Sie Wechselkurse des IRS für das relevante Steuerjahr. Beginnen Sie frühzeitig mit der Vorbereitung – die Kombination aus deutschen und amerikanischen Anforderungen braucht Zeit.

Ihr nächster Schritt

Als selbstständiger US-Bürger mit Wohnsitz in Deutschland tragen Sie eine doppelte steuerliche Verantwortung. Die gute Nachricht: Das System ist kompliziert, aber beherrschbar. Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen den USA und Deutschland schützt Sie vor doppelter Steuerzahlung. Programme wie das Streamlined Filing bieten einen Weg zurück für alle, die ihre Pflichten bisher versäumt haben.

Der wichtigste Schritt ist, diese Verpflichtung nicht länger zu ignorieren. Ob Sie Ihre US-Steuer selbst in Angriff nehmen oder einen Experten hinzuziehen – handeln Sie jetzt, bevor aus einem lösbaren Problem ein kostspieliges wird.

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