Wenn es um das Thema Selbstständigkeit geht, assoziieren die meisten Menschen damit die eigenständige Gründung eines Unternehmens. Ein großer Teil der Existenzgründungen entsteht aber durch Übernahmen. Ein bestehender Betrieb, der übernommen wird, bringt bereits Strukturen, Kunden und etablierte Abläufe mit sich. Das ist allerdings komplexer, als es meist zunächst wirkt. Wer eine Unternehmensnachfolge antritt, muss die vorhandene Situation gut analysieren und benötigt einen klaren Plan.
Den Übergang strategisch vorbereiten
Die Vorbereitung einer Übernahme beginnt schon lange vor der eigentlichen Vertragsunterzeichnung. Am Anfang steht oft die nüchterne Frage, warum ein Eigentümer sein Unternehmen verkaufen möchte und welche Perspektiven für dieses Unternehmen realistisch sind. Die Motive reichen von der Altersnachfolge bis hin zu wirtschaftlichem Druck. Diese Hintergründe haben einen entscheidenden Einfluss auf den Preis, die Verhandlungsbereitschaft und das Tempo, mit dem die Übernahme am Ende stattfindet. Bei der unverzichtbaren strukturierten Prüfung zählen neben betriebswirtschaftlichen Kennzahlen unter anderem die vorhandene Kundenstruktur, Abhängigkeiten und Vertragslaufzeiten. Die Rolle des bisherigen Inhabers sollte ebenfalls klar sein: Zieht er sich sofort zurück oder bleibt er beratend tätig?
Wirtschaftliche Prüfung und Bewertung
Auch wenn Zahlen Klarheit schaffen können, erzählt nicht jede Kennzahl die ganze Geschichte. So können zum Beispiel die Umsätze stabil wirken, während der Druck bezüglich der Margen hoch ist. Daher ist ein genauer Blick auf die Liquidität, das Forderungsmanagement und den Investitionsbedarf entscheidend.
Typische Prüffelder sind:
- Entwicklung von Umsatz und Gewinn über mehrere Jahre
- Struktur der wichtigsten Kunden und Lieferanten
- Bestehende Verträge sowie Miet- und Leasingverpflichtungen
- Haftungsrisiken oder eventuell offene Rechtsstreitigkeiten
- Investitionsstau
Praxis-Tipp: Die Gefahr für unangenehme spätere Überraschungen lässt sich durch eine externe betriebswirtschaftliche Analyse durch eine Unternehmensberatung deutlich reduzieren. Gleichzeitig verbessert eine solche Analyse die Verhandlungsbasis.
Finanzierung und Fördermöglichkeiten prüfen
Ob eine Nachfolge machbar ist, hängt entscheidend von der Finanzierung ab. Während Eigenkapital Spielraum schafft, erhöht Fremdkapital den Druck. Die Banken prüfen den Businessplan, vorhandene Sicherheiten und Branchenaussichten sehr genau. Wer eine Unternehmensübernahme plant, sollte deshalb frühzeitig entsprechende Gespräche führen.
In bestimmten Konstellationen können sowohl Gründer als auch Unternehmensnachfolger durch öffentliche Fördermittel unterstützt werden (Service-Tipp: Fördercheck). Bürgschaften oder zinsgünstige Darlehen verbessern die Struktur. Allerdings variieren die verfügbaren Programme regional, weshalb sich eine individuelle Prüfung lohnt.
Mitarbeiter und Unternehmenskultur integrieren
Ein Betrieb besteht nicht nur aus Zahlen, sondern er lebt vor allem von Menschen. Auf Veränderungen reagieren Mitarbeiter in der Regel sensibel, und wenn die Kommunikation nicht stimmt, können schnell Unsicherheiten entstehen. Die neue Führung sollte deshalb früh präsent sein und über Perspektiven informieren. Gleichzeitig brauchen die gewachsenen Strukturen Respekt. Nicht jede geplante Veränderung muss zwingend sofort umgesetzt werden, und in vielen Fällen bewährt sich eine Phase des Beobachtens. Wer Umstellungen zu schnell vornimmt, kann dadurch Widerstand und Produktivitätsverluste riskieren.
Wachstumspotenziale nach der Übernahme nutzen
Nach der Übernahme und der Stabilisierung der neuen Gegebenheiten beginnt der eigentliche Ausbau. Manche Potenziale zeigen sich dabei erst mit etwas Abstand, während andere offen zutage liegen, bisher aber nicht verfolgt wurden. Durch einen strukturierten Entwicklungsplan wird es leichter, Prioritäten zu setzen. Wenn Investitionen vorgenommen werden, sollten diese nachvollziehbar begründet sein und gleichzeitig darf der unternehmerische Mut nicht fehlen. Ob eine Nachfolge gelingt, entscheidet sich nicht mit der Vertragsunterzeichnung. Danach beginnt es erst richtig.