Vom Insolvenzfall zum profitablen Unternehmen: So funktioniert ein Turnaround-Investment

Eine Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Unternehmen kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr besitzt. Ein Betrieb kann etablierte Produkte, wertvolle Kundenbeziehungen, qualifizierte Mitarbeiter, eine bekannte Marke oder eine interessante Technologie besitzen und trotzdem zahlungsunfähig werden. Zu hohe Finanzierungskosten, ein schneller Umsatzrückgang, fehlende Liquidität, überdimensionierte Strukturen oder eine gescheiterte Wachstumsstrategie können dazu führen, dass ein grundsätzlich tragfähiger Unternehmenskern in die Insolvenz gerät.

Genau an diesem Punkt werden Unternehmen für sogenannte Turnaround-Investoren interessant. Sie investieren nicht in eine makellose Erfolgsgeschichte, sondern suchen Unternehmen, deren wirtschaftliche Krise aus ihrer Sicht lösbar ist. Das Ziel besteht darin, einen sanierungsfähigen Kern zu identifizieren, das Unternehmen finanziell und operativ neu aufzustellen und anschließend wieder profitabel zu machen.

Angesichts der gestiegenen Unternehmensinsolvenzen gewinnt dieser Ansatz zusätzlich an Bedeutung. Im Jahr 2025 registrierten die deutschen Amtsgerichte 24.064 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger beliefen sich auf rund 47,9 Milliarden Euro. Auch 2026 bleibt die Situation angespannt. Von Januar bis Mai wurden 10.546 Unternehmensinsolvenzen registriert und damit 4,9 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Für Investoren können sich daraus Investmentmöglichkeiten ergeben. Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung zwischen einem Unternehmen, das wegen seiner wirtschaftlichen Substanz nicht mehr überlebensfähig ist, und einem Unternehmen, dessen bisherige Finanzierungs- oder Kostenstruktur gescheitert ist, dessen operativer Kern aber weiterhin Wert besitzt.

Was ist ein Turnaround-Investment?

Bei einem Turnaround-Investment stellt ein Investor Kapital, unternehmerisches Know-how oder beides zur Verfügung, um ein wirtschaftlich angeschlagenes Unternehmen neu auszurichten. Im Gegensatz zu klassischen Venture-Capital-Investments liegt der Schwerpunkt nicht auf der Finanzierung eines jungen Wachstumsunternehmens, sondern auf der Wiederherstellung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit.

Dabei muss das Unternehmen nicht zwingend bereits insolvent sein. Turnaround-Investoren können schon während einer fortgeschrittenen Unternehmenskrise einsteigen. Besonders interessant wird die Strategie jedoch bei Unternehmen, die bereits ein Insolvenzverfahren durchlaufen oder unmittelbar davorstehen.

In diesem Umfeld werden häufig auch die Begriffe Distressed Investing, Special Situations oder Restrukturierungsinvestment verwendet. Die einzelnen Investmentstrategien unterscheiden sich, folgen aber einer ähnlichen Grundidee: Der Investor akzeptiert ein deutlich erhöhtes Risiko, weil er davon ausgeht, dass der tatsächliche oder zukünftig realisierbare Wert des Unternehmens höher ist als der Wert, den der Markt beziehungsweise die aktuelle Krisensituation widerspiegelt.

Ein Unternehmen mit 20 Millionen Euro Umsatz kann beispielsweise insolvent sein, obwohl ein großer Teil seines operativen Geschäfts funktioniert. Wenn hohe Schulden, unrentable Geschäftsbereiche und eine ungeeignete Kostenstruktur die Liquidität belasten, kann eine Restrukturierung dazu führen, dass der profitable Kern erhalten bleibt.

Der Investor kauft damit nicht einfach ein „billiges Unternehmen“. Er investiert in die Annahme, dass sich durch Kapital, Restrukturierung und unternehmerische Veränderungen ein neuer Unternehmenswert schaffen lässt.

Warum kann ein insolventes Unternehmen überhaupt interessant sein?

Auf den ersten Blick erscheint es widersprüchlich, Kapital in ein Unternehmen zu investieren, das seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann. Insolvenz und Wertlosigkeit sind jedoch nicht dasselbe. Ein Unternehmen kann wertvolle Vermögensgegenstände besitzen. Noch wichtiger sind häufig immaterielle Werte wie Marken, Patente, Technologien, Kundenbeziehungen, Vertriebskanäle oder spezialisiertes Know-how. Hinzu kommt die bestehende Organisation. Produktionsanlagen sind vorhanden, Lieferketten aufgebaut, Mitarbeiter eingearbeitet und Kunden kennen das Unternehmen bereits. Ein Wettbewerber oder Investor, der einen vergleichbaren Betrieb vollständig neu aufbauen müsste, würde möglicherweise Jahre benötigen und erhebliche Investitionen tätigen. Die Insolvenzordnung ermöglicht neben der klassischen Verwertung des Unternehmens auch eine Sanierung über einen Insolvenzplan. Dabei können unter bestimmten Voraussetzungen nicht nur die Forderungen der Gläubiger neu geregelt, sondern auch gesellschaftsrechtliche Maßnahmen in die Restrukturierung einbezogen werden. Die rechtlichen Rahmenbedingungen eines konkreten Turnaround-Investments sollten aufgrund der unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten immer individuell geprüft werden.

Für Turnaround-Investoren lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: Warum ist dieses Unternehmen insolvent?

Die wichtigere Frage lautet: Was bleibt übrig, wenn die Ursachen der Insolvenz beseitigt werden?

Genau diese Perspektive unterscheidet ein Turnaround-Investment von einer rein rückwärtsgerichteten Betrachtung der Unternehmenskrise.

Der profitable Kern ist wichtiger als die Vergangenheit

Die wichtigste Aufgabe vor einem Turnaround-Investment besteht darin, herauszufinden, ob ein sanierungsfähiger Unternehmenskern existiert.

Dabei reicht es nicht aus, auf den bisherigen Gesamtumsatz zu schauen.

Ein Unternehmen kann beispielsweise 15 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften und trotzdem Verluste schreiben. Eine genauere Analyse könnte zeigen, dass zwei Produktbereiche hochprofitabel sind, während ein dritter Geschäftsbereich dauerhaft Kapital verbrennt.

Ähnliches gilt für Standorte, Kundengruppen oder Vertriebskanäle.

Der Turnaround-Investor versucht deshalb, die wirtschaftliche Struktur des Unternehmens zu zerlegen. Welche Produkte erwirtschaften positive Deckungsbeiträge? Welche Kundenbeziehungen sind profitabel? Welche Standorte funktionieren? Welche Mitarbeiter und Kompetenzen werden für den zukünftigen Betrieb benötigt? Welche Verträge sind wirtschaftlich sinnvoll? Welche Kosten entstehen lediglich aufgrund historisch gewachsener Strukturen? Erst daraus entsteht ein Bild des Unternehmens, das nach einer Restrukturierung bestehen könnte.

Das zukünftige Unternehmen kann deshalb deutlich kleiner sein als das Unternehmen vor der Insolvenz und trotzdem einen höheren wirtschaftlichen Wert besitzen.

Nicht immer wird die insolvente Gesellschaft selbst gekauft

Wenn von der „Übernahme eines Unternehmens aus der Insolvenz“ gesprochen wird, entsteht schnell der Eindruck, der Investor kaufe einfach die bestehende Gesellschaft mitsamt allen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten.

In der Praxis können unterschiedliche Strukturen eingesetzt werden. Eine wichtige Möglichkeit ist die sogenannte übertragende Sanierung. Dabei werden der Geschäftsbetrieb oder ausgewählte Vermögenswerte auf einen Erwerber übertragen. Der Investor kann beispielsweise Maschinen, Warenbestände, Markenrechte, Patente, Kundenbeziehungen oder andere für die Fortführung notwendige Vermögenswerte erwerben. Die insolvente Rechtsträgerin und der wirtschaftlich fortgeführte Betrieb sind dann nicht zwingend identisch.

Daneben kann eine Sanierung über einen Insolvenzplan erfolgen. Die Insolvenzordnung ermöglicht es, die Befriedigung der Gläubiger, die Verwertung und Verteilung der Insolvenzmasse sowie weitere Aspekte des Verfahrens in einem Insolvenzplan abweichend von den gesetzlichen Standardregelungen zu gestalten. Bei Unternehmen können dabei auch die Rechte der bisherigen Anteilseigner einbezogen werden.

Für einen Investor ist diese Unterscheidung wesentlich. Es muss geklärt werden, was genau erworben oder finanziert wird und welche rechtlichen, steuerlichen und wirtschaftlichen Verpflichtungen damit verbunden sind.

Insolvenzplan kann Investoren den Einstieg ermöglichen

Der Insolvenzplan eröffnet weitreichende Möglichkeiten für eine finanzielle und gesellschaftsrechtliche Neuordnung.

Nach der Insolvenzordnung können im Plan beispielsweise Kapitalherabsetzungen oder Kapitalerhöhungen vorgesehen werden. Auch Forderungen von Gläubigern können mit deren Zustimmung in Beteiligungen am Unternehmen umgewandelt werden. Ebenso können Regelungen zur Übertragung von Anteilen Bestandteil eines Insolvenzplans sein.

Damit kann eine Restrukturierung erheblich tiefer gehen als eine bloße Vereinbarung über die Rückzahlung bestehender Schulden.

Ein Investor könnte beispielsweise frisches Eigenkapital bereitstellen, während gleichzeitig die Kapitalstruktur des Unternehmens neu geordnet wird. Bestehende Verbindlichkeiten können im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten restrukturiert und Beteiligungsverhältnisse verändert werden.

Das Ziel besteht darin, eine Kapitalstruktur zu schaffen, die zum zukünftig erwarteten Ergebnis und Cashflow des Unternehmens passt.

Gerade bei Unternehmen, die operativ grundsätzlich funktionieren, aber durch ihre bisherige Finanzierung überlastet sind, kann diese finanzielle Restrukturierung ein zentraler Bestandteil des Turnarounds sein.

Ein niedriger Kaufpreis macht aus einem insolventen Unternehmen noch kein attraktives Investment. Entscheidend ist der gesamte Kapitalbedarf bis zum erfolgreichen Turnaround. Neben dem Erwerb können Betriebsmittel, Restrukturierungskosten, Investitionen und zusätzliche Liquiditätsreserven erforderlich sein. Eine belastbare Finanzplanung zeigt, wie viel Kapital tatsächlich benötigt wird und wann der sanierte Betrieb wieder einen positiven Cashflow erreichen kann. Finden Sie den passenden Berater über unsere kostenlose Beratersuche:

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Ein Turnaround beginnt mit einer anderen Due Diligence

Auch bei einem klassischen Unternehmenskauf führt ein Investor eine Due Diligence durch. Bei einem Turnaround-Investment verändert sich jedoch die Fragestellung.

Der Investor möchte nicht nur wissen, wie gut das Unternehmen ist. Er muss verstehen, warum es gescheitert ist.

Dazu gehört zunächst eine detaillierte Analyse der Krisenursachen. Liegt das Problem im Geschäftsmodell? Ist der Markt eingebrochen? Sind die Preise falsch kalkuliert? Wurde zu schnell expandiert? Sind Personalkosten oder andere Fixkosten zu hoch? Besteht ein erheblicher Investitionsstau? Sind einzelne Großkunden weggefallen? Oder ist das Unternehmen aufgrund seiner Finanzierungsstruktur in Schwierigkeiten geraten?

Diese Unterscheidung ist entscheidend.

Ein Liquiditätsproblem kann unter Umständen durch Kapital und eine neue Finanzierungsstruktur gelöst werden. Ein dauerhaft unprofitables Geschäftsmodell lässt sich dagegen nicht allein durch zusätzliches Geld sanieren.

Der Kaufpreis ist häufig nur ein Teil des Kapitalbedarfs

Gerade bei Distressed-Investments kann ein niedriger Kaufpreis attraktiv wirken. Doch er sagt wenig darüber aus, wie viel Kapital tatsächlich benötigt wird.

Angenommen, ein Investor kann wesentliche Teile eines Unternehmens für 800.000 Euro übernehmen. Auf den ersten Blick erscheint das günstig, wenn der Betrieb zuvor mehrere Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet hat.

Nach der Übernahme könnten jedoch weitere 500.000 Euro Betriebsmittel erforderlich sein. Zusätzlich müssen möglicherweise Maschinen modernisiert, IT-Systeme erneuert oder Standorte geschlossen werden. Abfindungen, Beratungskosten, Marketingmaßnahmen und der Wiederaufbau von Lagerbeständen können den Kapitalbedarf weiter erhöhen.

Aus einem Kaufpreis von 800.000 Euro kann dadurch schnell ein gesamter Finanzierungsbedarf von mehreren Millionen Euro entstehen.

Ein professioneller Turnaround-Investor kalkuliert deshalb nicht nur den Einstiegspreis. Entscheidend ist der gesamte Kapitalbedarf bis zum Erreichen eines stabilen positiven Cashflows.

Ein vereinfachtes Beispiel für ein Turnaround-Investment

Ein mittelständisches Produktionsunternehmen erwirtschaftete vor der Krise jährlich 12 Millionen Euro Umsatz. Trotzdem meldet es Insolvenz an.

Die Analyse zeigt, dass nicht das gesamte Geschäftsmodell gescheitert ist. Zwei Produktlinien mit insgesamt 8 Millionen Euro Umsatz besitzen stabile Kundenbeziehungen und positive Deckungsbeiträge. Eine dritte Produktlinie wurde während einer Expansionsphase aufgebaut, verursacht jedoch hohe Fixkosten und Verluste.

Zusätzlich hat das Unternehmen erhebliche Bankverbindlichkeiten und eine Produktionsstätte angemietet, deren Kapazität deutlich über dem tatsächlichen Bedarf liegt.

Ein Investor übernimmt im Rahmen der Sanierung die wirtschaftlich interessanten Unternehmensteile. Die Verlustsparte wird nicht fortgeführt, die Produktion wird auf eine kleinere Struktur angepasst und die Verwaltung verschlankt.

Für die Übernahme und den Neustart investiert der Investor beispielsweise:

1,2 Millionen Euro für Vermögenswerte und den Geschäftsbetrieb,

600.000 Euro für Betriebsmittel,

400.000 Euro für notwendige Investitionen und

300.000 Euro als zusätzliche Liquiditätsreserve.

Das gesamte Investment beträgt damit 2,5 Millionen Euro.

Nach der Restrukturierung erwirtschaftet das Unternehmen nur noch 8,5 Millionen Euro Umsatz. Durch die veränderte Kostenstruktur arbeitet es jedoch wieder profitabel.

Das Beispiel zeigt einen wesentlichen Grundsatz von Turnaround-Investments: Umsatzwachstum ist in der ersten Phase häufig gar nicht das wichtigste Ziel. Ein kleineres, profitables Unternehmen kann wesentlich wertvoller sein als ein großes Unternehmen, das kontinuierlich Liquidität verbraucht.

Der Turnaround findet nach dem Kauf statt

Mit der Übernahme beginnt die eigentliche Arbeit.

Turnaround-Investing unterscheidet sich deshalb deutlich von einer rein passiven Beteiligung. Der Investor benötigt entweder selbst operative Restrukturierungskompetenz oder ein Managementteam, das die notwendigen Veränderungen umsetzen kann.

In den ersten Monaten stehen häufig Liquidität und Kosten im Mittelpunkt. Das Unternehmen muss jederzeit zahlungsfähig bleiben. Nicht notwendige Ausgaben werden reduziert, Verlustbereiche überprüft und das Working Capital aktiv gesteuert.

Anschließend geht es um die operative Leistungsfähigkeit.

Preise müssen möglicherweise neu kalkuliert, Einkaufsbedingungen verhandelt, Produktionsprozesse angepasst oder unrentable Kundenbeziehungen beendet werden. Gleichzeitig darf die Restrukturierung nicht dazu führen, dass genau die Ressourcen verloren gehen, auf denen der zukünftige Unternehmenswert basiert.

Ein Turnaround ist deshalb keine reine Kostensenkungsstrategie.

Wer sämtliche erfahrenen Mitarbeiter verliert, Investitionen stoppt und Marketing vollständig einstellt, kann kurzfristig Liquidität sparen und gleichzeitig die Grundlage für zukünftige Umsätze zerstören.

Das Management entscheidet häufig über Erfolg oder Misserfolg

Bei vielen Turnaround-Investments stellt sich früh die Frage, ob das bisherige Management Teil des zukünftigen Unternehmens bleiben soll.

Auch hier gibt es keine pauschale Antwort.

Wenn die Krise beispielsweise durch externe Marktveränderungen oder eine ungeeignete Finanzierungsstruktur entstanden ist, kann das bestehende Management über wertvolles Branchenwissen und wichtige Kundenbeziehungen verfügen.

Wenn dagegen gravierende strategische Fehlentscheidungen, fehlende Kostenkontrolle oder mangelnde Transparenz wesentlich zur Krise beigetragen haben, kann ein Managementwechsel notwendig werden.

Turnaround-Investoren betrachten deshalb nicht nur Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung. Sie prüfen auch die Führungsebene.

Wer kann den Turnaround umsetzen? Welche Kompetenzen fehlen? Welche Führungskräfte besitzen das Vertrauen von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten?

Diese Fragen können für den Erfolg des Investments ebenso entscheidend sein wie der Kaufpreis.

Mitarbeiter können einer der wertvollsten Bestandteile des Unternehmens sein

Gerade bei Unternehmen mit spezialisiertem Know-how liegt ein erheblicher Teil des Unternehmenswertes in der Belegschaft.

Ingenieure, Entwickler, Techniker, Vertriebsmitarbeiter oder erfahrene Produktionskräfte lassen sich nicht beliebig ersetzen. Verlassen wichtige Leistungsträger während der Insolvenz das Unternehmen, kann der Wert des Geschäftsbetriebs schnell sinken.

Ein Investor muss deshalb früh identifizieren, welche Personen für den Neustart entscheidend sind.

Gleichzeitig kann eine Restrukturierung Personalabbau notwendig machen. Damit entsteht eine schwierige Balance zwischen Kostensenkung und Erhalt kritischer Kompetenzen.

Auch die Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Eine Insolvenz erzeugt Unsicherheit. Mitarbeiter fragen sich, ob Arbeitsplätze erhalten bleiben, Kunden suchen möglicherweise alternative Anbieter und Lieferanten reduzieren Zahlungsziele.

Der Investor muss deshalb nicht nur Kapital bereitstellen, sondern Vertrauen in die Zukunft des Unternehmens schaffen.

Kunden und Lieferanten müssen an den Turnaround glauben

Ein Unternehmen kann nur dann erfolgreich saniert werden, wenn sein wirtschaftliches Umfeld den Neustart mitträgt.

Kunden müssen weiterhin bestellen. Lieferanten müssen bereit sein, das Unternehmen zu beliefern. Mitarbeiter müssen bleiben und Banken beziehungsweise Finanzierungspartner müssen gegebenenfalls neue Strukturen unterstützen.

Ein Turnaround-Investor muss deshalb häufig schon während der Transaktion Gespräche mit zentralen Stakeholdern führen.

Besonders kritisch sind Unternehmen mit hoher Kundenkonzentration. Wenn beispielsweise 40 Prozent des Umsatzes von zwei Großkunden abhängen, muss geklärt werden, ob diese Kunden auch nach der Übernahme weiter bestellen.

Ähnliches gilt für strategische Lieferanten. Wenn eine Produktion ohne einen bestimmten Zulieferer nicht fortgeführt werden kann, besitzt dessen Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit erheblichen Einfluss auf die Investitionsentscheidung.

Wie verdient ein Turnaround-Investor Geld?

Der wirtschaftliche Ansatz basiert vereinfacht auf der Differenz zwischen dem Kapital, das für Erwerb und Restrukturierung eingesetzt wird, und dem Wert des Unternehmens nach erfolgreicher Sanierung.

Ein Investor übernimmt beispielsweise einen Geschäftsbetrieb und investiert insgesamt 3 Millionen Euro.

Nach drei oder vier Jahren erwirtschaftet das Unternehmen wieder stabile Gewinne. Aufgrund der verbesserten Ertragslage könnte ein strategischer Käufer oder Finanzinvestor nun bereit sein, beispielsweise 8 Millionen Euro für das Unternehmen zu zahlen.

Aus der Differenz müssen selbstverständlich weitere Kosten, Finanzierungen, Steuern und gegebenenfalls zusätzliche Investitionen berücksichtigt werden. Das Prinzip bleibt jedoch gleich: Der Investor versucht, durch die Restrukturierung einen Unternehmenswert zu schaffen, der deutlich über seinem gesamten Kapitaleinsatz liegt.

Das erklärt gleichzeitig das hohe Risiko.

Scheitert der Turnaround, kann ein erheblicher Teil des eingesetzten Kapitals verloren gehen. Distressed Investments sind deshalb keine Möglichkeit, Unternehmen einfach günstig einzukaufen. Sie setzen erhebliche Analyse- und Restrukturierungskompetenz voraus.

Welche Unternehmen eignen sich für ein Turnaround-Investment?

Nicht jedes insolvente Unternehmen ist sanierungsfähig.

Besonders interessant können Unternehmen sein, bei denen die Insolvenzursache klar identifiziert und grundsätzlich behebbar ist.

Dazu kann beispielsweise eine zu hohe Verschuldung gehören. Auch eine gescheiterte Expansion, einzelne verlustreiche Standorte oder Geschäftsbereiche, temporäre Marktverwerfungen oder eine ungeeignete Kostenstruktur können Ansatzpunkte für einen Turnaround bieten.

Wesentlich schwieriger wird es, wenn das Kernprodukt keine Nachfrage mehr besitzt oder die gesamte Branche strukturell schrumpft.

Ein Unternehmen, das mit jedem verkauften Produkt Geld verliert und gleichzeitig keine realistische Möglichkeit für Preiserhöhungen oder Kostensenkungen besitzt, wird nicht allein dadurch attraktiv, dass es günstig erworben werden kann.

Der Turnaround-Investor sucht deshalb nicht einfach insolvente Unternehmen. Er sucht Unternehmen mit einem Problem, das lösbar erscheint.

Der Finanzplan wird zum Herzstück des Turnarounds

Ein überzeugendes Sanierungskonzept muss die geplante Entwicklung in Zahlen übersetzen.

Wie entwickelt sich der Umsatz nach der Übernahme? Welche Kunden bleiben erhalten? Welche Kosten fallen weg? Welche Restrukturierungskosten entstehen? Welche Investitionen sind notwendig? Wann wird der operative Break-even erreicht? Wie viel Liquidität wird bis dahin benötigt?

Gerade die Liquiditätsplanung ist entscheidend.

Ein Unternehmen kann auf dem Papier zukünftig profitabel sein und trotzdem erneut zahlungsunfähig werden, wenn die vorhandene Liquidität nicht ausreicht, um die Zeit bis zum Turnaround zu finanzieren.

Auch die Insolvenzordnung misst einer belastbaren Planung bei einer Unternehmensfortführung erhebliche Bedeutung bei. Werden Gläubiger im Rahmen eines Insolvenzplans aus den Erträgen eines fortgeführten Unternehmens befriedigt, verlangt § 229 InsO unter anderem eine Vermögensübersicht sowie eine Darstellung der erwarteten Aufwendungen und Erträge und der Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit.

Für Investoren bedeutet das unabhängig von der konkreten Transaktionsstruktur: Ein Turnaround braucht nicht nur eine strategische Geschichte, sondern einen belastbaren Finanzplan.

Unternehmen aus der Insolvenz übernehmen?

Eine niedrige Bewertung allein macht noch kein gutes Turnaround-Investment. Entscheidend ist, ob nach Kaufpreis, Restrukturierung und notwendiger Finanzierung ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen entstehen kann. Eine detaillierte Business- und Finanzplanung schafft die Grundlage, um Kapitalbedarf, Break-even und zukünftige Ertragskraft realistisch zu beurteilen. Die Experten unserer Unternehmens- und Existenzgründungsberatung erstellen mit Ihnen ihren Business- und Finanzplan.

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Was unterscheidet Turnaround-Investing von Venture Capital?

Venture Capital und Turnaround-Investing stellen Beteiligungskapital für sehr unterschiedliche Unternehmenssituationen bereit.

Venture-Capital-Investoren finanzieren typischerweise junge Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Häufig stehen Skalierung, Produktentwicklung, Markteintritt und schnelles Wachstum im Vordergrund. Das Unternehmen kann dabei bewusst Verluste erwirtschaften, solange diese Teil einer finanzierten Wachstumsstrategie sind.

Beim Turnaround-Investment ist die Ausgangslage nahezu umgekehrt.

Das Unternehmen besitzt bereits Strukturen, Umsätze und häufig eine längere Unternehmenshistorie, befindet sich aber in einer wirtschaftlichen Krise. Der Investor finanziert zunächst nicht primär Wachstum, sondern Stabilisierung und Restrukturierung.

Auch die zentralen Kennzahlen verändern sich.

Bei einem Wachstumsinvestment können Marktgröße, wiederkehrende Umsätze und Wachstumsgeschwindigkeit besonders wichtig sein. Beim Turnaround treten kurzfristig Liquidität, Deckungsbeiträge, Kostenstruktur, Working Capital und nachhaltiger operativer Cashflow stärker in den Vordergrund.

Beide Investmentformen verbindet jedoch ein Grundprinzip: Kapital wird eingesetzt, weil der Investor davon ausgeht, dass der zukünftige Unternehmenswert deutlich höher sein kann als zum Zeitpunkt des Einstiegs.

Warum steigende Insolvenzzahlen auch einen Markt für Turnaround-Investments schaffen

Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, warum Restrukturierungsinvestments stärker in den Fokus rücken.

2023 wurden in Deutschland 17.814 Unternehmensinsolvenzen registriert. 2024 waren es bereits 21.812 und 2025 schließlich 24.064 Fälle.

Hinter diesen Zahlen stehen sehr unterschiedliche Unternehmen. Manche Geschäftsmodelle sind tatsächlich nicht mehr wettbewerbsfähig. Andere Betriebe verfügen jedoch weiterhin über Kunden, Mitarbeiter, Anlagen, Marken und funktionierende Produkte.

Genau diese Unternehmen können für strategische Käufer und spezialisierte Investoren interessant werden.

Dabei ist wichtig, Insolvenz nicht romantisch als günstige Einkaufsmöglichkeit zu betrachten. Je weiter eine Krise fortschreitet, desto schneller kann Unternehmenswert verloren gehen. Mitarbeiter verlassen den Betrieb, Kunden wechseln den Anbieter, Lieferanten werden vorsichtiger und Investitionen werden verschoben.

Turnaround-Investing ist deshalb häufig auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

Fazit: Ein insolventes Unternehmen kann noch erheblichen Wert besitzen

Eine Insolvenz sagt zunächst aus, dass ein Unternehmen seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann beziehungsweise ein Insolvenzgrund vorliegt. Sie sagt nicht automatisch, dass sämtliche Bestandteile des Unternehmens wirtschaftlich wertlos sind.

Genau diese Differenz bildet die Grundlage eines Turnaround-Investments.

Investoren suchen Unternehmen, bei denen sich ein wirtschaftlich tragfähiger Kern vom bisherigen Krisenmodell trennen lässt. Dieser Kern kann aus profitablen Produkten, Kundenbeziehungen, Technologien, Marken, Mitarbeitern oder Produktionskapazitäten bestehen.

Anschließend muss entschieden werden, über welche Struktur der Einstieg erfolgt. Je nach Fall kann ein Geschäftsbetrieb beziehungsweise können bestimmte Vermögenswerte übernommen oder eine Sanierung innerhalb der bestehenden Unternehmensstruktur umgesetzt werden.

Der Kauf selbst ist dabei nur der Anfang.

Erfolgreiches Turnaround-Investing verlangt eine realistische Bewertung, ausreichend Kapital, eine konsequente Restrukturierung und ein Management, das den Neustart operativ umsetzen kann. Entscheidend ist nicht, wie groß das Unternehmen vor der Insolvenz war, sondern welches profitable Unternehmen nach der Restrukturierung übrig bleiben kann.

Gerade darin liegen sowohl das Risiko als auch die Chance: Der Investor übernimmt ein Unternehmen in einer Situation, in der sein Wert erheblich unter Druck steht. Gelingt es, die Ursachen der Krise zu beseitigen und einen tragfähigen Unternehmenskern wieder profitabel zu machen, kann aus einem Insolvenzfall erneut ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen entstehen.

Ob sich ein Turnaround-Investment lohnt, entscheidet sich nicht allein anhand des bisherigen Umsatzes oder eines günstigen Kaufpreises. Profitabilität einzelner Geschäftsbereiche, Kundenstruktur, zukünftiger Kapitalbedarf und realistische Sanierungsmöglichkeiten müssen gemeinsam betrachtet werden. Unsere Experten unterstützen bei der wirtschaftlichen Bewertung sowie bei der Business- und Finanzplanung für den Neustart.

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FAQ

Was ist ein Turnaround-Investment?

Bei einem Turnaround-Investment investiert ein Investor in ein wirtschaftlich angeschlagenes Unternehmen mit dem Ziel, dessen operative und finanzielle Struktur zu verbessern und wieder eine nachhaltige Profitabilität herzustellen. Der Einstieg kann bereits vor einer Insolvenz oder im Zusammenhang mit einem Insolvenzverfahren erfolgen.

Kann ein Investor ein Unternehmen aus der Insolvenz kaufen?

Ja. Abhängig von der konkreten Situation kommen unterschiedliche Transaktionsstrukturen infrage. Beispielsweise können ein Geschäftsbetrieb oder bestimmte Vermögenswerte übernommen werden. Auch eine Sanierung über einen Insolvenzplan kann einen Einstieg beziehungsweise eine Neuordnung der Beteiligungsverhältnisse ermöglichen.

Was ist eine übertragende Sanierung?

Bei einer übertragenden Sanierung werden der Geschäftsbetrieb oder wesentliche Vermögenswerte eines insolventen Unternehmens auf einen anderen Rechtsträger übertragen. Dadurch kann der wirtschaftlich tragfähige Teil des Unternehmens fortgeführt werden, während die insolvente Gesellschaft nicht zwingend in ihrer bisherigen Form bestehen bleibt.

Warum investieren Investoren in insolvente Unternehmen?

Ein insolventes Unternehmen kann weiterhin wertvolle Produkte, Technologien, Marken, Kundenbeziehungen, Mitarbeiter oder Produktionskapazitäten besitzen. Ein Investor kann deshalb zu dem Ergebnis kommen, dass der sanierte Unternehmenskern einen höheren Wert besitzt als die für Erwerb und Restrukturierung erforderliche Investition.

Wie erkennt ein Investor, ob ein insolventes Unternehmen sanierungsfähig ist?

Entscheidend sind unter anderem die Ursachen der Krise, die Profitabilität einzelner Produkte und Geschäftsbereiche, Kundenbindung, Kostenstruktur, Mitarbeiter, Marktposition und zukünftiger Kapitalbedarf. Besonders wichtig ist die Frage, ob nach Beseitigung der Krisenursachen ein nachhaltig profitabler Geschäftsbetrieb entstehen kann.

Wie viel Kapital benötigt ein Turnaround-Investment?

Der Kapitalbedarf besteht nicht nur aus dem Kaufpreis. Zusätzlich können Betriebsmittel, Investitionen, Restrukturierungskosten und Liquiditätsreserven notwendig sein. Deshalb muss der gesamte Finanzierungsbedarf bis zum Erreichen eines stabilen positiven Cashflows betrachtet werden.

Was ist der Unterschied zwischen Turnaround-Investing und Venture Capital?

Venture Capital finanziert typischerweise junge Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Turnaround-Investing konzentriert sich dagegen auf Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Während beim Venture Capital häufig Wachstum und Skalierung im Mittelpunkt stehen, geht es beim Turnaround zunächst um Stabilisierung, Restrukturierung und nachhaltige Profitabilität.

Kann ein Investor im Insolvenzplan Anteile am Unternehmen erhalten?

Ein Insolvenzplan kann gesellschaftsrechtliche Maßnahmen enthalten. Nach der Insolvenzordnung können beispielsweise Kapitalmaßnahmen durchgeführt und Forderungen mit Zustimmung der betroffenen Gläubiger in Beteiligungsrechte umgewandelt werden. Die konkrete Gestaltung hängt vom jeweiligen Verfahren und Insolvenzplan ab.

Welche Rolle spielt der Finanzplan beim Turnaround?

Der Finanzplan zeigt, wie viel Kapital für Übernahme und Restrukturierung benötigt wird, wie sich Umsatz und Kosten entwickeln sollen und wann das Unternehmen wieder einen positiven Cashflow erreicht. Besonders wichtig ist eine detaillierte Liquiditätsplanung, damit während der Restrukturierung keine erneute Finanzierungslücke entsteht.

Ist Turnaround-Investing besonders riskant?

Ja. Der Investor steigt in einer wirtschaftlichen Krisensituation ein, in der die zukünftige Entwicklung besonders unsicher ist. Scheitert die Restrukturierung, kann ein erheblicher Teil des eingesetzten Kapitals verloren gehen. Dafür kann eine erfolgreiche Sanierung eine deutliche Steigerung des Unternehmenswertes ermöglichen.

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