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Warum sich Unternehmer das Scheitern erlauben sollten

Irren ist menschlich, jeder macht mal Fehler, Erfahrung macht klug und überhaupt ist Scheitern doch die Voraussetzung schlechthin für Erfolg, sagt uns die philanthropische Wattebausch-Haltung in einer Welt voller verständnisvoller Idealisten, in der wir aber wohl leider nicht leben. Denn wenn wir dann tatsächlich scheitern, so sind die Fingerzeiger, Besserwisser und übersinnlich Begabten, die es ja vorher schon wussten, schneller unfallschaulustig auf den Plan gerufen als man „Aber“ sagen kann; allzeit bereit, elefantengleich jedes Abweichen vom Ideallebenslauf voller Erfolge und ohne Brüche als ewig währendes Stigma zu manifestieren. Dies schlummert dann lauernd, um bei Bedarf aus dem Hut gezaubert zu werden. So mag es einem als deutscher Unternehmer vorkommen.

Die Wirtschaft vergisst nicht. Wer einmal scheitert, scheitert wieder?

So viel zur Diskrepanz von anthroposophischer Theorie und tatsächlich praktischer Umsetzung im Gründeralltag, wie das derzeit kursierende und viel diskutierte Video der Rede Christian Lindners zeigt, der beim Stichwort Scheitern im Unternehmertum scheinbar reflexartig gebrandmarkt werden sollte. Fernab von politischer Einfärbung – was Herr Lindner daraus machte, ist bekannt …

Aber woran liegt es, dass zwar jede zweite Postkarte in sämtlichen Geschenkeshops uns Gelassenheit im Umgang mit und sogar Zelebrieren von Scheitern und Fehlerkultur als Chance für persönliches und berufliches Wachstum auf den Kühlschrank heften will, wir uns selbst als demokratisch denkende Gutmenschen einer akribischen Lehrer-Lempel-Haltung mit Beschränkung auf rote und schwarze Zahlen sowie Anzahl der Erfolge abgewogen gegen das Ausbleiben von Misserfolgen, nicht erwehren können?

Geht es um Ökonomienutzen und Wirtschaftlichkeit der liberalen Wissensgesellschaft, winken wir schnell ab bei allem, was sich nicht in die normierte Kompetenzspalte unseres straffen Lebenslaufes pressen lässt. Vielleicht passt uns die per definitionem mit Versuchen und dem mutigen Schritt in die Selbstständigkeit verbundene Risikobereitschaft nicht so recht in unsere wohl sortierten, übervorsichtigen deutschen Tugenden. Aber deutsche Entrepreneure und mutige Innovationskünstler gibt es ja dennoch.

Auch auf das Risiko hin, das etablierte „The winner takes it all“-Weltbild zu erschüttern – abseits von Schwarz und Weiß gibt es Vielversprechendes zu entdecken, wenn man sich von überkommenen, eindimensionalen Perspektiven zu lösen vermag. Wie wäre es damit, die Sicherheit bietende Komfortzone von medienpropagierten Erfolgsdefinitionen zu verlassen und der scheuklappenbehafteten Ergebnisorientierung als Krankheit unserer Zeit den Kampf anzusagen?

Wer über den statischen Tellerrand der westlichen Kulturprägung von Gewinner- und Verlierereinteilung hinausblickt, kann einsehen, dass Risiko nicht das absolut unabgesichert Blinde bedeutet. Risiko lässt sich unternehmerisch kalkulieren. Dies tun Sie bereits, wenn Sie ihre Geschäftsidee Form annehmen lassen, indem Sie einen Businessplan schreiben. Sie kalkulieren Potentiale als eventuelle Ausbaufähigkeiten, die es in der Umsetzung zu erproben und immer wieder aufs Neue anzupassen gilt. Definieren wir Erfolg als die Analysefähigkeit und ehrliche Bestandsaufnahme gegebener Umstände, steht das ominöse Risiko und von der Unabänderlichkeitsaura umhüllte Scheitern in einem ganz neuen Licht da.

Kalkulieren Sie. Planen Sie gut. Und zwar so gut, dass sie Fehlschläge als mögliche Ausgänge von vielen Experimenten auf ihrem persönlichen Unternehmerweg nicht tabuisieren. Betrachten Sie sie nüchterner aber hartnäckig als Ansporn mit Sportsgeist, Scheitern nicht als festgeschriebenen und abgeschlossenen Dauerzustand hinzunehmen. Wer Scheitern als Arbeitsvorbereitung und Lerneffekt für den nächsten Schritt statt Untergang betrachtet, kann im Nebenschritt auch das Wort Krise als Wendepunkt statt Katastrophe mit umdefinieren. Dann wird Scheitern zur Veränderung herabgeschrumpft, vom stigmatisierten Zustand zum unvermeidbaren, sogar gewollten sowie entdramatisierten und angstbefreiten Prozess.

Gründer sollten sich selbst dort abholen, wo sie stehen, Perfektionsillusionen abschwören und Scheitern als Voraussetzung für Erfolg ansehen; auch bei der unbeteiligten Außenbeurteilung Anderer. Dann erübrigt sich Häme. Denn wer wagt, gewinnt – in jedem möglichen Fall.

Ein Lob an die Unbeirrbaren, die Scheitern einen Stellenwert des Ausprobierens zuschreiben und als das erkennen lernen, was es ist: Ein reichlich überbewertetes, weil eigentlich unaufgeregtes, sich logisch ergebendes Charakteristikum des Unternehmertums.

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