Venture Capital nach der F&E-Phase: Wie Deep-Tech-Start-ups den Übergang zur Seed-Finanzierung schaffen

Bei Deep-Tech-Start-ups beginnt die Unternehmensentwicklung häufig anders als bei klassischen digitalen Geschäftsmodellen. Während ein Software-Start-up vergleichsweise früh mit einem Minimum Viable Product in den Markt gehen und erste Umsätze erzielen kann, stehen bei technologieintensiven Gründungen zunächst Forschung, Entwicklung und technische Validierung im Mittelpunkt.

Neue Materialien, industrielle Technologien, Biotechnologie, Medizintechnik, Robotik, Quantentechnologien oder komplexe Hardware benötigen häufig mehrere Entwicklungsstufen, bevor aus einer wissenschaftlichen Idee ein marktfähiges Produkt entstehen kann. Forschungsprojekte, Hochschulprogramme und öffentliche Fördermittel können diese frühe Phase teilweise finanzieren.

Doch irgendwann endet die geförderte Forschungs- und Entwicklungsphase. Spätestens dann stellt sich eine neue Frage: Wie wird aus einem technologisch überzeugenden Projekt ein Unternehmen, in das Venture-Capital-Investoren investieren möchten?

Genau dieser Übergang gehört zu den anspruchsvollsten Phasen einer Deep-Tech-Gründung. Denn Investoren finanzieren nicht allein eine interessante Technologie. Sie investieren in die Aussicht, dass aus dieser Technologie ein skalierbares Unternehmen entstehen kann.

Programme wie EXIST-Forschungstransfer berücksichtigen diesen Übergang inzwischen ausdrücklich. Neben technologischer Weiterentwicklung werden dort unter anderem Marktforschung, Kundennutzen, Geschäftsmodellentwicklung, Pilotprojekte, IP-Strategie und die Vorbereitung einer Anschlussfinanzierung genannt. Ziel ist damit nicht nur der technische Proof of Concept, sondern die wirtschaftliche Anschlussfähigkeit des Vorhabens.

Nach der Forschung beginnt eine andere Art der Validierung

In der F&E-Phase steht zunächst eine zentrale Frage im Vordergrund: Funktioniert die Technologie? Für Venture Capital reicht diese Frage allein nicht mehr aus.

Nun muss zusätzlich geklärt werden, ob sich auf Grundlage der Technologie ein attraktives Unternehmen entwickeln lässt. Investoren betrachten deshalb mehrere Ebenen gleichzeitig:

Wie weit ist die Technologie tatsächlich entwickelt? Welches konkrete Kundenproblem wird gelöst? Wie groß kann der adressierbare Markt werden? Gibt es erste Hinweise auf Nachfrage? Wie lässt sich das Produkt industrialisieren oder skalieren? Welche regulatorischen oder technischen Hürden bestehen noch? Wie viel Kapital wird bis zum nächsten wesentlichen Entwicklungsschritt benötigt?

Der High-Tech-Gründerfonds beschreibt diese Herausforderung in seiner Deep-Tech-Matrix über zwei zentrale Dimensionen: den technologischen Reifegrad und die Sicherheit darüber, dass ein ausreichend großer Markt existiert. Gerade erfolgreiche Deep-Tech-Gründungen müssen deshalb nicht nur erklären können, wo ihre Technologie heute steht, sondern auch, wie Technologie- und Marktentwicklung in den kommenden Jahren zusammenlaufen sollen.

Das verändert auch die Rolle des Businessplans und des Pitch-Decks. Aus einer Forschungsroadmap muss zunehmend eine Unternehmensroadmap werden.

Der technologische Fortschritt muss für Investoren übersetzbar werden

Wissenschaftliche Teams beschreiben ihr Vorhaben häufig aus Sicht der Technologie. Für Fachkollegen ist das sinnvoll. Ein Investor benötigt jedoch eine andere Perspektive. Ein technologischer Meilenstein erhält für Venture Capital vor allem dann Bedeutung, wenn er gleichzeitig unternehmerischen Wert schafft.

Ein neuer Prototyp kann beispielsweise zeigen, dass ein zuvor bestehendes technisches Risiko beseitigt wurde. Eine erfolgreich abgeschlossene Pilotanlage kann belegen, dass die Technologie außerhalb des Labors funktioniert. Eine Zertifizierung kann den Zugang zu einem regulierten Markt ermöglichen. Ein erteiltes Patent kann Eintrittsbarrieren erhöhen. Ein erfolgreicher Pilotkunde kann erstmals bestätigen, dass Unternehmen bereit sind, die entwickelte Lösung tatsächlich einzusetzen.

Deep-Tech-Start-ups sollten deshalb ihre Entwicklungsroadmap nicht ausschließlich nach technischen Arbeitspaketen strukturieren. Investoren möchten erkennen können, welche Risiken mit jedem Meilenstein reduziert werden und welchen Unternehmenswert dieser Entwicklungsschritt schafft.

Ein sinnvoller Aufbau kann beispielsweise so aussehen:

Forschungsergebnis → Proof of Concept → funktionsfähiger Prototyp → Pilotprojekt → industrielle Validierung → Zertifizierung → erste kommerzielle Anwendung → skalierbare Produktion.

Entscheidend ist jedoch, dass parallel dazu auch die Marktseite entwickelt wird.

Technology Readiness allein reicht nicht

Gerade wissenschaftlich geprägte Teams konzentrieren sich häufig stark auf den Technology Readiness Level, kurz TRL. Dieses Denken ist nachvollziehbar, bildet für eine Seed-Finanzierung aber nur einen Teil der Realität ab.

Eine Technologie kann technisch weit entwickelt sein und trotzdem keinen attraktiven Investment-Case darstellen.

Ein Beispiel: Ein Start-up hat einen leistungsfähigen industriellen Sensor entwickelt. Der Prototyp funktioniert zuverlässig. Technologisch hat das Team erhebliche Fortschritte gemacht. Gleichzeitig ist jedoch noch unklar, welcher Industriezweig den größten wirtschaftlichen Nutzen davon hat, wer die Kaufentscheidung trifft, wie hoch die Zahlungsbereitschaft ist und wie lang der Vertriebszyklus dauert. Das technologische Risiko ist gesunken. Das Marktrisiko bleibt hoch.

Die HTGF Deep-Tech-Matrix setzt deshalb bewusst technologische Reife und Marktsicherheit zueinander in Beziehung. Ein überzeugender Finanzierungsfall entsteht demnach nicht allein durch weitere technische Entwicklung, sondern durch eine parallele Validierung des Marktes.

Für Gründer bedeutet das: Spätestens vor einer Seed-Runde müssen Kundengespräche, Pilotprojekte und Marktvalidierung einen ähnlich hohen Stellenwert bekommen wie technische Entwicklung.

Vom möglichen Markt zum konkreten Kundenproblem

Große Marktvolumina wirken in einem Pitch-Deck zunächst attraktiv. Aussagen wie „Der weltweite Markt beträgt mehrere Milliarden Euro“ beantworten jedoch noch nicht die entscheidende Frage, welchen Teil dieses Marktes das Start-up tatsächlich erreichen kann.

Deep-Tech-Gründer sollten den Markt deshalb von unten aufbauen.

  • Wer hat das Problem?
  • Wie wird es aktuell gelöst?
  • Welche Kosten entstehen dadurch?
  • Welche Vorteile schafft die neue Technologie?
  • Wer entscheidet über einen Kauf?
  • Wie lang ist der Beschaffungsprozess?
  • Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, bevor ein Kunde die Technologie einsetzen kann?

Gerade im B2B-Deep-Tech-Bereich können zwischen technischem Interesse und tatsächlicher Kaufentscheidung erhebliche Unterschiede bestehen. Ein Gespräch mit einem Entwicklungsleiter ist noch kein Marktbeweis. Ein Letter of Intent ist stärker, aber ebenfalls nicht mit Umsatz gleichzusetzen. Ein bezahltes Pilotprojekt liefert wiederum eine andere Qualität der Validierung. Investoren müssen deshalb erkennen können, welche Signale bereits vorhanden sind und welche Annahmen noch getestet werden müssen.

Pilotkunden werden zu einem wichtigen Bestandteil der Seed-Story

Für viele Deep-Tech-Start-ups sind klassische Umsatzzahlen in der frühen Phase nur eingeschränkt aussagekräftig. Produkte sind möglicherweise noch nicht serienreif oder können zunächst nur in Pilotumgebungen eingesetzt werden.

Umso wichtiger werden alternative Nachweise für Nachfrage. Dazu können gehören:

  • Pilotprojekte mit Industriepartnern
  • Letters of Intent
  • Entwicklungskooperationen
  • Teststellungen
  • gemeinsame Forschungsprojekte mit späteren Anwendern oder belastbare Gespräche mit Entscheidern aus der Zielbranche.

Dabei sollte jedoch sauber zwischen unterschiedlichen Verbindlichkeitsstufen unterschieden werden. Zehn unverbindliche Interessensbekundungen sind nicht automatisch stärker als ein gut strukturierter Pilot mit einem relevanten Kunden.

Für den Investment-Case zählt insbesondere, was das Team aus diesen Kontakten gelernt hat. Wurde das Produkt verändert? Hat sich die Zielgruppe geschärft? Gibt es Erkenntnisse zur Zahlungsbereitschaft? Welche Anforderungen müssen vor einer Bestellung erfüllt sein?

Marktvalidierung bedeutet nicht, möglichst viele Logos auf eine Pitch-Deck-Folie zu setzen. Sie bedeutet, Unsicherheit systematisch zu reduzieren.

Venture Capital beginnt mit einer belastbaren Equity-Story

Ein wissenschaftliches Projekt erzählt häufig eine technische Geschichte: Es gibt ein Problem, eine neue wissenschaftliche Lösung und vielversprechende Forschungsergebnisse. Eine Venture-Capital-Story muss weitergehen. Sie muss erklären, warum aus genau dieser Technologie ein großes Unternehmen entstehen kann.

Der HTGF beschreibt für Deep-Tech-Unternehmen deshalb die Bedeutung einer konsistenten Equity Story. Dazu gehören ein relevantes ungelöstes Kundenproblem, der technologische Ansatz, die besondere Fähigkeit des Teams, dieser technologische Vorsprung und eine realistische Roadmap vom heutigen Entwicklungsstand bis zum Markt.

Eine gute Equity-Story verbindet daher mehrere Ebenen:

Problem → Technologie → Wettbewerbsvorteil → Markt → Geschäftsmodell → Go-to-Market → Entwicklungsmeilensteine → Kapitalbedarf → Wachstumsperspektive.

Die einzelnen Teile dürfen sich nicht widersprechen.

Wer beispielsweise einen sehr großen internationalen Markt adressieren möchte, muss erklären können, wie Vertrieb und Skalierung funktionieren sollen. Wer eine kapitalintensive Produktion benötigt, muss diese Investitionen im Finanzplan berücksichtigen. Wer einen mehrjährigen Zertifizierungsprozess durchlaufen muss, kann nicht gleichzeitig einen unrealistisch frühen Markteintritt kalkulieren.

Von der Technologie zum überzeugenden Investment-Case

Sie bereiten nach einer Forschungs- oder Förderphase Ihre erste Venture-Capital-Runde vor? Unsere Experten unterstützen Start-ups dabei, Marktpotenzial, Geschäftsmodell, Finanzierungsbedarf und Wachstumsperspektive zu einem konsistenten Investment Case zusammenzuführen. Dazu können unter anderem Businessplan, Finanzplanung, Förderstrategie und Pitch-Deck gemeinsam überprüft und weiterentwickelt werden.

Die IP-Strategie muss vor der Finanzierungsrunde geklärt sein

Bei wissenschaftlichen Ausgründungen spielt geistiges Eigentum häufig eine zentrale Rolle. Investoren möchten wissen, ob das Start-up tatsächlich über die Rechte verfügt, die für das Geschäftsmodell notwendig sind.

Gerade bei Ausgründungen aus Hochschulen oder Forschungseinrichtungen kann die Situation komplex sein. Patente oder andere Schutzrechte liegen möglicherweise zunächst bei der Forschungseinrichtung. Dann muss geklärt werden, ob das Unternehmen diese erwerben, lizenzieren oder anderweitig nutzen kann.

EXIST Forschungstransfer nennt die Klärung von Schutzrechten und der IP-Strategie ausdrücklich als Bestandteil der Vorbereitung technologieorientierter Gründungsvorhaben. Vor der Ansprache professioneller Investoren sollte deshalb Klarheit darüber bestehen:

Welche IP existiert? Wem gehört sie? Welche Rechte erhält die Gesellschaft? Gibt es Abhängigkeiten von Hochschulen oder Forschungspartnern? Welche weiteren Patentanmeldungen sind geplant? Wie leicht könnten Wettbewerber die Technologie umgehen? Ein ungelöstes IP-Thema muss nicht automatisch jede Finanzierung verhindern. Unklare Eigentumsverhältnisse können eine Due Diligence jedoch erheblich erschweren.

Aus dem Forschungsbudget muss ein Venture-Capital-Finanzplan werden

Ein weiterer großer Unterschied zwischen F&E-Projekt und Venture-Capital-Finanzierung zeigt sich in der Finanzplanung. Förderprojekte werden häufig entlang konkreter Projektkosten geplant. Benötigt werden beispielsweise Personal, Laborleistungen, Geräte, Materialien oder externe Entwicklungsarbeiten. Ein VC-Finanzplan muss zusätzlich zeigen, wie sich daraus ein Unternehmen entwickelt.

Neben Forschung und Entwicklung treten neue Kostenpositionen hinzu: Produktmanagement, Business Development, Vertrieb, Marketing, regulatorische Prozesse, Zertifizierungen, Produktion, Personalaufbau, IT, Versicherungen, rechtliche Beratung, Patentkosten und Unternehmensadministration. Gleichzeitig muss der Finanzplan darstellen, wann erste Erlöse realistisch entstehen können und welche weitere Finanzierung bis dahin erforderlich sein wird.

Für Deep-Tech-Unternehmen ist dabei insbesondere die Runway entscheidend. Die Seed-Runde sollte nicht lediglich so dimensioniert sein, dass das Unternehmen einige zusätzliche Monate weiterforschen kann. Sie sollte idealerweise bis zu einem klaren Wertsteigerungsmeilenstein reichen.

Die Seed-Runde sollte einen klaren nächsten Finanzierungspunkt erreichen

Eine der wichtigsten Fragen bei der Finanzierungsplanung lautet deshalb: Was muss mit dem Kapital der Seed-Runde erreicht werden, damit das Unternehmen anschließend deutlich besser finanzierbar ist?Das kann je nach Geschäftsmodell sehr unterschiedlich sein.

Beispiele sind ein industriell validierter Prototyp, eine abgeschlossene Zertifizierung, mehrere bezahlte Pilotkunden, ein definierter Produktionsprozess, ein wichtiger regulatorischer Meilenstein oder der Nachweis erster wiederkehrender Umsätze. Diese Entwicklungsschritte werden häufig als Value Inflection Points betrachtet. Mit jedem erreichten Punkt sollte ein wesentlicher Teil des technischen oder wirtschaftlichen Risikos sinken.

Der Kapitalbedarf sollte daraus rückwärts berechnet werden. Wenn ein Start-up für den nächsten entscheidenden Meilenstein 24 Monate benötigt, sollte die Finanzierungsplanung diesen Zeitraum einschließlich realistischer Reserven berücksichtigen. Eine Runde, deren Kapital bereits mehrere Monate vor dem entscheidenden Entwicklungsnachweis aufgebraucht ist, schafft dagegen frühzeitig neuen Finanzierungsdruck.

Fördermittel und Venture Capital sind kein Widerspruch

Gerade im Deep-Tech-Bereich muss die Finanzierung nicht ausschließlich aus Eigenkapital bestehen. Öffentliche Fördermittel können auch nach der Gründung eine wichtige Rolle spielen, insbesondere wenn weiterhin erhebliche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten notwendig sind.

Die Kombination kann strategisch interessant sein: Fördermittel finanzieren bestimmte innovative Entwicklungsprojekte, während Venture Capital beispielsweise Teamaufbau, Markteintritt, Vertrieb, Internationalisierung oder weitere nicht förderfähige Unternehmensaktivitäten ermöglicht.

Auch EXIST Forschungstransfer verfolgt ausdrücklich das Ziel, Technologieentwicklung, Unternehmensgründung und Anschlussfinanzierung miteinander zu verbinden. In Förderphase II können junge technologieorientierte Unternehmen aus der vorherigen Förderphase derzeit bis zu 180.000 Euro Förderung bei förderfähigen Gesamtkosten von maximal 240.000 Euro erhalten.

Für Start-ups ist deshalb nicht nur die Frage relevant, wie viel Venture Capital aufgenommen werden soll. Ebenso wichtig ist, welche Entwicklungsschritte möglicherweise weiterhin über nicht verwässernde Finanzierungsinstrumente unterstützt werden können. Eine strukturierte Förderstrategie kann dadurch Teil der gesamten Finanzierungsstrategie werden.

Aber Fördermittel ersetzen keinen Markt

Hier liegt gleichzeitig eine typische Gefahr. Ein Deep-Tech-Unternehmen kann über Jahre erfolgreich Forschungsförderung einwerben und technologisch erhebliche Fortschritte erzielen, ohne ausreichend zu testen, ob ein tragfähiges Geschäftsmodell existiert.

Förderfähigkeit und Investmentfähigkeit sind jedoch zwei unterschiedliche Dinge.Ein Projekt kann wissenschaftlich innovativ und förderwürdig sein, während die spätere Kommerzialisierung weiterhin ungeklärt ist. Vor einer Seed-Runde müssen Gründer deshalb zunehmend aus der Förderlogik herauskommen. Nicht mehr allein die Frage „Welche Forschungsarbeiten können wir finanzieren?“ steht im Mittelpunkt, sondern: „Welchen Unternehmenswert schaffen wir mit dem nächsten Entwicklungsschritt?“ Diese Perspektive verändert sowohl die Roadmap als auch den Finanzplan.

Das Gründerteam muss sich ebenfalls weiterentwickeln

Deep-Tech-Unternehmen entstehen häufig aus wissenschaftlichen Teams. Die technische Kompetenz ist dann eine große Stärke. Mit zunehmender Unternehmensreife werden jedoch zusätzliche Fähigkeiten notwendig. Business Development, Vertrieb, Finanzierung, Personalführung, regulatorische Kompetenz, Produktion und strategische Unternehmensentwicklung gewinnen an Bedeutung.

Das bedeutet nicht, dass jedes Team bereits vor der Seed-Runde sämtliche Funktionen vollständig besetzen muss. Investoren sollten jedoch erkennen können, dass Kompetenzlücken verstanden wurden und ein realistischer Plan für den Teamaufbau existiert. Auch EXIST Forschungstransfer berücksichtigt deshalb neben wissenschaftlicher Kompetenz ausdrücklich unternehmerische und betriebswirtschaftliche Kompetenzen im Gründungsteam.

Für Gründer bedeutet das möglicherweise auch eine Veränderung der eigenen Rolle. Wer bisher hauptsächlich als Wissenschaftler oder Entwickler gearbeitet hat, muss sich zunehmend mit Kunden, Kapital, Personal und Strategie beschäftigen.

Was gehört vor der Seed-Runde in den Datenraum?

Sobald Investorengespräche konkreter werden, reicht das Pitch Deck nicht mehr aus. Interessierte Investoren möchten zentrale Annahmen nachvollziehen und prüfen können. Dafür sollten die wichtigsten Unterlagen frühzeitig strukturiert vorbereitet werden.

Dazu gehören typischerweise der aktuelle Pitch, ein Finanzmodell, Informationen zur Gesellschaft und zum Cap Table, Verträge, relevante Schutzrechte, Forschungs- und Entwicklungsunterlagen, Marktanalysen, Informationen zu Pilotkunden sowie Unterlagen zu bisherigen Förderungen und Finanzierungen.

Bei wissenschaftlichen Ausgründungen können zusätzlich Vereinbarungen mit Hochschulen, IP-Verträge, Lizenzvereinbarungen oder Kooperationsverträge relevant sein. Der Datenraum sollte nicht erst aufgebaut werden, wenn ein Investor erstmals danach fragt. Die Vorbereitung zwingt das Team gleichzeitig dazu, mögliche offene Punkte frühzeitig zu identifizieren.

Vom Pitch Deck zum überprüfbaren Investment Case

Ein Pitch Deck kann Interesse erzeugen. Die Investmententscheidung entsteht jedoch durch die Informationen dahinter. Jede wesentliche Aussage im Pitch sollte deshalb durch weitere Informationen belegbar sein. Wenn ein Start-up einen Milliardenmarkt nennt, muss nachvollziehbar sein, wie dieser berechnet wurde.

Wenn ein technologischer Vorsprung behauptet wird, sollte dieser durch Entwicklungsstand, Patente, Know-how oder Testergebnisse begründbar sein. Wenn bereits Kundeninteresse besteht, sollte klar sein, welche Gespräche, Pilotprojekte oder Vereinbarungen dahinterstehen. Wenn für die Seed-Runde beispielsweise drei Millionen Euro benötigt werden, muss der Finanzplan erklären, wofür das Kapital eingesetzt wird und welcher Entwicklungsstand damit erreicht werden soll. So wird aus einer Präsentation ein Investment Case.

Pitch Deck und Investment Case aufeinander abstimmen

Ein gutes Pitch Deck verdichtet die Investment Story, ersetzt jedoch nicht die Analyse dahinter. Marktgröße, technologische Differenzierung, Geschäftsmodell, Finanzierungsbedarf und geplante Meilensteine müssen mit den zugrunde liegenden Zahlen übereinstimmen. Gerade bei technologieintensiven Start-ups sollte deshalb nicht nur die Präsentation, sondern der gesamte Investment Case vor der Investorenansprache kritisch geprüft werden.

Tipp: Das Förderprogramm EXIST Forschungstransfer unterstützt technologieorientierte Ausgründungen dabei, Forschungsergebnisse weiterzuentwickeln und gleichzeitig die wirtschaftliche Verwertung vorzubereiten. Dazu gehören neben der Technologieentwicklung auch Themen wie Geschäftsmodell, Marktvalidierung, Schutzrechte und Anschlussfinanzierung.

Wann ist ein Deep-Tech-Start-up Seed-ready?

Eine allgemeingültige Grenze gibt es nicht. Unterschiedliche Technologien benötigen unterschiedliche Entwicklungszeiten und Kapitalmengen. Der High-Tech Gründerfonds investiert beispielsweise bereits in sehr frühen Technologiephasen und nennt aktuell einen Sweet Spot seiner Erstinvestitionen im Pre-Seed- und Seed-Bereich von 800.000 Euro aufwärts. Die relevanten Branchen umfassen unter anderem Industrial, Climate & Deep Tech sowie Life Sciences und Chemie. Entscheidend ist deshalb weniger ein bestimmter Umsatz oder ein einzelner Technology Readiness Level.

Ein Deep-Tech-Start-up wird investierbarer, wenn mehrere Entwicklungen zusammenkommen: Die Technologie wurde substanziell validiert, ein relevantes Kundenproblem ist nachgewiesen, der adressierbare Markt ist attraktiv, die IP-Situation ist geklärt, das Team kann die nächsten Entwicklungsschritte umsetzen und der Kapitalbedarf führt zu klar definierten Meilensteinen.

Seed-ready bedeutet damit vor allem: Die verbleibenden Risiken sind bekannt und das Team kann glaubwürdig erklären, wie das neue Kapital diese Risiken weiter reduziert.

Venture Capital sollte nicht erst nach Ende der Förderung vorbereitet werden

Ein häufiger strategischer Fehler besteht darin, erst wenige Monate vor dem Auslaufen einer Förderung über die nächste Finanzierung nachzudenken. Gerade bei Deep-Tech-Start-ups können Finanzierungsrunden umfangreiche Vorbereitung erfordern. Pitch Deck, Finanzplanung und Datenraum müssen erstellt werden. Geeignete Investoren müssen identifiziert und angesprochen werden. Gespräche, Due Diligence und Vertragsverhandlungen benötigen ebenfalls Zeit. Die Vorbereitung einer Seed-Finanzierung sollte deshalb bereits während der laufenden F&E-Phase beginnen. Das gilt besonders dann, wenn noch wichtige Voraussetzungen geschaffen werden müssen.

Fehlen Pilotkunden, kann die verbleibende Förderzeit für Marktvalidierung genutzt werden. Ist die IP-Situation ungeklärt, sollte sie frühzeitig strukturiert werden. Fehlt betriebswirtschaftliche Kompetenz im Team, kann gezielt nach einer Ergänzung gesucht werden. Ist der Kapitalbedarf noch nicht belastbar, sollte parallel zur Entwicklungsroadmap ein Finanzmodell aufgebaut werden.

Genau diese Verbindung von technologischer Entwicklung, Marktforschung, Pilotprojekten, Geschäftsmodellentwicklung und Vorbereitung einer Investorenansprache ist auch im aktuellen EXIST-Forschungstransfer vorgesehen.

Fazit: Aus Forschung muss ein finanzierbares Unternehmen werden

Die schwierigste Aufgabe nach einer erfolgreichen F&E-Phase besteht häufig nicht darin, noch mehr Technologie zu entwickeln. Sie besteht darin, Technologie, Markt und Kapital zu einem nachvollziehbaren Entwicklungspfad zusammenzuführen.

Ein Deep-Tech-Start-up muss Investoren zeigen können, wo die Technologie heute steht, welches Problem sie wirtschaftlich löst, wer dafür bezahlen wird, welche Risiken noch bestehen und welche konkreten Meilensteine mit dem Kapital der nächsten Finanzierungsrunde erreicht werden. Fördermittel können auf diesem Weg weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Sie ersetzen jedoch nicht die Marktvalidierung und auch nicht den Aufbau eines tragfähigen Investment Case. Wer die Seed-Finanzierung frühzeitig vorbereitet, kann die verbleibende F&E-Phase deshalb gezielt nutzen, um nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche Risiken abzubauen.

Venture-Capital-Runde strategisch vorbereiten

Sie möchten Ihr technologieorientiertes Start-up nach der Forschungs- oder Förderphase auf eine Seed-Finanzierung vorbereiten? Unsere Experten unterstützen Sie bei der Entwicklung eines belastbaren Business- und Finanzierungsmodells, der Förderstrategie sowie bei der Strukturierung und Überarbeitung Ihres Pitch Decks. So können technologische Meilensteine, Marktpotenzial und Kapitalbedarf zu einem konsistenten Investment Case zusammengeführt werden.

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FAQ

Wann sollte ein Deep-Tech-Start-up mit der Vorbereitung einer Seed-Runde beginnen?

Die Vorbereitung sollte möglichst nicht erst nach Ende der F&E-Finanzierung beginnen. Bereits während der Entwicklungsphase können Finanzmodell, Marktvalidierung, Pilotprojekte, IP-Struktur und Investor Story vorbereitet werden. Dadurch sinkt das Risiko einer Finanzierungslücke zwischen Förderprojekt und Venture-Capital-Runde.

Reicht ein erfolgreicher Proof of Concept für Venture Capital aus?

Ein Proof of Concept kann ein wichtiger technologischer Meilenstein sein, reicht für eine Investitionsentscheidung aber nicht automatisch aus. Investoren betrachten zusätzlich Marktpotenzial, Kundennutzen, Wettbewerb, Team, IP, Geschäftsmodell, Kapitalbedarf und die weiteren Entwicklungsrisiken.

Braucht ein Deep-Tech-Start-up vor der Seed-Runde bereits Umsatz?

Nicht zwingend. Bei Technologien mit langen Entwicklungs- oder Zulassungszyklen können andere Formen der Marktvalidierung relevant sein. Dazu gehören beispielsweise Pilotprojekte, Entwicklungskooperationen, Letters of Intent oder konkrete Gespräche mit potenziellen Kunden. Entscheidend ist, wie belastbar diese Signale tatsächlich sind.

Welche Rolle spielt der Technology Readiness Level bei Venture Capital?

Der technologische Reifegrad hilft dabei, den Entwicklungsstand einer Technologie einzuordnen. Für Investoren muss er jedoch gemeinsam mit der Marktreife betrachtet werden. Eine technisch ausgereifte Lösung ohne ausreichend validierten Markt kann weiterhin ein erhebliches Investmentrisiko darstellen.

Können Fördermittel und Venture Capital kombiniert werden?

Grundsätzlich können öffentliche Fördermittel und Beteiligungskapital Teil derselben Finanzierungsstrategie sein. Entscheidend ist, welche Kosten und Projekte über das jeweilige Förderprogramm finanziert werden dürfen und welche Eigen- oder Fremdmittel erforderlich sind. Die konkrete Kombination muss deshalb für das jeweilige Unternehmen und Förderprogramm geprüft werden.

Warum ist die IP-Strategie für Deep-Tech-Investoren wichtig?

Bei technologieorientierten Unternehmen basiert ein wesentlicher Teil des Unternehmenswertes häufig auf technologischen Schutzrechten oder schwer imitierbarem Know-how. Investoren prüfen deshalb unter anderem, welche Rechte bestehen, wem sie gehören und ob die Gesellschaft dauerhaft über die notwendigen Nutzungsrechte verfügt.

Was sollte eine Seed-Runde bei einem Deep-Tech-Start-up finanzieren?

Das Kapital sollte idealerweise bis zu einem klar definierten nächsten Wertsteigerungsmeilenstein reichen. Das kann beispielsweise ein industrieller Prototyp, eine Zertifizierung, ein erfolgreicher Pilot, eine Produktionsvalidierung oder der Eintritt in die kommerzielle Vermarktung sein.

Was ist der Unterschied zwischen einer Forschungsroadmap und einer Venture-Capital-Roadmap?

Eine Forschungsroadmap beschreibt vor allem technische Entwicklungsziele. Eine Venture-Capital-Roadmap verbindet technologische Meilensteine mit Marktvalidierung, Geschäftsmodell, Teamaufbau, Kapitalbedarf und der Frage, wie jeder Entwicklungsschritt das Risiko des Unternehmens reduziert und seinen wirtschaftlichen Wert erhöht.

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